Tempelhof-Schöneberger
Aktionswochen gegen Antisemitismus 2023

Diskriminierungs- und Machtverhältnisse sind für uns nicht immer im gleichen Ausmaß sichtbar. Gerade bei Antisemitismus beobachten wir, dass nichtjüdische Menschen ihn oft für ein historisches, weitgehend überwundenes Problem halten, während Juden*Jüdinnen selbst ihn häufig als alltagsprägende Erfahrung bezeichnen. Diese „Perspektivendivergenz“ ist eine weitere Verletzung für Betroffene und erschwert zivilgesellschaftliches Handeln und eine breite Thematisierung der Problemlage.

Wir wollen im Rahmen der Tempelhof-Schöneberger Aktionswochen gegen Antisemitismus ein Auge darauf werfen, wie und wo Antisemitismus stattfindet und wie ihm zu begegnen ist. Denn der Kampf gegen Antisemitismus ist immer auch einer für Demokratie und Aufklärung, auch im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Mit unterschiedlichen Formaten möchten wir mit der Nachbarschaft in Austausch kommen, Interessierte einbeziehen und zur Reflexion und Diskussion anregen.

Den Auftakt markierte die Lesung mit Monty Ott und Ruben Gerczikow und deren kraftvolles Buch „„Wir lassen uns nicht unterkriegen“ – Junge jüdische Politik in Deutschland“, die am 6. September in der „Theodor-Heuss-Bücherei“. Vorgestellt wurden diverse Auszüge junger jüdischer Personen, die sich als in ihrer diversen jüdischen Identitäten präsentieren und aktiv an der Gestaltung ihres Umfelds teilhaben und diese auch einfordern. Eindrücklich wurde deren Hintergrund und die Motivation dargelegt. „Monty Ott und Ruben Gerczikow stellen ein Kaleidoskop jüdischer Identitäten zusammen, das im Widerspruch zu der erinnerungskulturellen Festschreibung von Jüdinnen*Juden als passive Opfer steht. Sie lassen junge und jüdische Menschen zu Wort kommen, bieten ihnen ein Forum, auf dem sie von ihrem vielfältigen politischen Engagement und ihren Kämpfen berichten.“

Am 17. September begann der Auftakt der Stadtspaziergänge des noch jungen Vereins MASIYOT – Bildung, Aufklärung, Kritik. Vier Mal, am 17. und 24. September, sowie am 15. und 29. Oktober lud der Verein zu den Spaziergängen „Dem Antisemitismus auf der Spur – Antisemitische Gewalt in Tempelhof-Schöneberg“ ein. Auf etwa 5 Kilometern wurden im Rahmen der Spaziergänge konkrete Tatorte antisemitischer Gewalt aufgesucht und diskutiert: Auf welche Weise zeigte sich die Gewalt? Wovon war sie motiviert? Wie ist sie ideologisch einzuordnen ist? Was hat das historisch und politisch zu bedeuten?

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Dass dies notwendig ist, zeigt sich vor allem daran, dass wenn von Antisemitismus die Rede ist, die meisten Menschen an Nationalsozialismus und rechte Hetze denken. Andere verbreitete Formen wie Verschwörungsmythen von „Querdenkern“, israelbezogene Vorurteile und islamische Judenfeindschaft sind hingegen vielen Menschen kaum präsent. Menschen, die aufgrund ihres (tatsächlich oder vermeintlichen) Jüdischseins auf diese Weise angefeindet werden, fühlen sich daher oftmals alleingelassen. Um ein größeres Bewusstsein für alltäglichen Antisemitismus zu fördern, wurde versucht den vielfältigen Formen des modernen Antisemitismus auf die Spur zu kommen. Ziel war es dort, wo Gewalt gegen Jüdinnen und Juden tagtäglich geschieht, mit ins Gespräch kommen: auf der Straße.

Gesprochen wurde über historische Phänomene wie christlichen und muslimischen Antijudaismus und Antisemitismus im Nationalsozialismus. Insbesondere wird sich unser Gespräch jedoch auf ganz aktuelle politische Phänomene wie sekundären, israelbezogenen, linken und islamischen Antisemitismus beziehen. Während der Planung hätte niemand die erschreckende und traurige Aktualität voraussehen können, die mit dem brutalen Terrorangriff der islamistischen Hamas auf Israel einhergeht. So waren die Termine im Oktober vor allem von dem Pogrom überschattet und die antisemitischen Auswirkungen auch auf deutschen Straßen.

Ein anderen Höhepunkt der Reihe bildete unter anderem das Podium „Status Quo –  Antisemitismus in Tempelhof-Schöneberg heute“, welches am 4. Oktober 2023 in der Alten Mälzerei Lichtenrade stattfand. Geladen waren Julia Kopp von RIAS Berlin (Meldestelle für antisemitische Vorfälle), dem Register Tempelhof-Schöneberg und Marina Chernivsky von OFEK e.V. (Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und Diskriminierung) um über antisemitische Fallzahlen, deren Entwicklung und Einordnung zu sprechen.

So wurden von RIAS und dem Register Fallzahlen zum Bezirk dargelegt, sowie ein Zusammenhang von Vorfallsstruktur und dem Bezirk auszumachen wäre. Nichtsdestotrotz sei auch in Tempelhof-Schöneberg die komplette Breite an Vorfallsarten festzustellen und eine Entwarnung sei nicht in Sicht. Weiterführend gab es von OFEK den Einschub, dass sich eine Korrespondenz von Fällen und Anfragen auch bei OFEK zeige. Zwar sei nicht zwangsläufig eine Zunahme, so doch aber eine Verdichtung der Vorfälle zu verzeichnen. Anhand eines antisemitischen Vorfalls an einer Schule lasse sich die ganze Struktur des Antisemitismus, dessen Umgang und Implementierung in der Gesellschaft herauslesen. Appellierend tat Marina daran, nicht nur vorfallsgeleitet und anlassbezogen zu handeln, sondern die gesamte Struktur des Antisemitismus wahrzunehmen und diese zu reflektieren. Was wir brauchen, ist eine Betrachtung des institutionellen Antisemitismus.

Aus der Diskussion mit den Gästen war zu entnehmen: Eingeladen wurden die Anwesenden die Vernetzungsstruktur des Bündnisses gegen Antisemitismus Tempelhof-Schöneberg zu unterstützen. Es sei ein geeigneter Ort, um sich über Antisemitismus auszutauschen, ihn zu diskutieren und Vorhaben zu ergreifen diesem etwas gerade in einer Zeit von Krisen etwas entgegenzusetzen. Letztlich hängt die sichtbare Intervention auch immer von den Aktiven ab. Worum es auch geht, ist eine Stärkung der Personen in ihren Mikrokontexten und diese dazu zu befähigen von innen zu wirken, sowie jenen die institutionell arbeiten. Denn wirkliche Prävention fängt auch mit einer aktiven Zivilgesellschaft an, die sich im Kiez und der Nachbarschaft aktiv einer Bedrohung entgegenstellen. Eine weitere Problematik, die sich stets zeige, ist die strukturelle Unterfinanzierung kleinerer Initiativen und die zeitliche Beschränkung von Projekten.

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Auch der am 8. Oktober von Petra Fritsche durchgeführte Stadtspaziergang „Kunst und Widerstand in der idyllischen Landgemeinde Friedenau“ wurde stieß auf große Resonanz.

Gezeigt wurde die Vielfalt der Architektur in Friedenau und gesprochen über diverse Personen aus den 30er Jahren, die als sozialistische Schriftsteller, modernen Künstler oder einfach aufgrund ihrer jüdischen Identität aus dem bürgerlichen Leben verbannt und später verfolgt wurden.

Am 1. November konnte mit einer lebendigen Lesung durch die Autorin Andrea v. Treuenfeld das Buch „Jüdisch Jetzt – Junge Jüdinnen und Juden über ihr Leben in Deutschland“ in der „Theodor-Heuss-Bücherei präsentiert werden, wobei mehr als 50 Personen der Einladung folgten. Deutlich machte die Autorin, dass die überwiegende Mehrheit der Nichtjuden bisher nur selten oder zumindest unbewusst in Kontakt mit jüdischen Menschen gekommen ist. In der nichtjüdischen Gesellschaft halten sich oft veraltete Klischees oder undifferenzierte Vorstellungen über das jüdische Leben. Doch wie sieht das gegenwärtige jüdische Leben in Deutschland tatsächlich aus? Wie erleben Jüdinnen und Juden ihre Situation in diesem Land? Und was bedeutet es eigentlich, jüdisch zu sein, wenn man die Betroffenen selbst danach fragt? Dies und mehr wurde in dem Buch festgehalten, welches aus inspirierenden Gesprächen resultierte. Es zeigt die facettenreiche Vielfalt jüdischer Identitäten und Lebensstile in Deutschland auf.

Den Abschluss der Reihe bildete der Demokratielunch „Über künftiges Engagement, Vielfalt- und Demokratieförderung“ am 18. November im Rathaus Schöneberg, zu dem die Koordinierungs- und Fachstelle der Partnerschaft für Demokratie Tempelhof-Schöneberg einlud, um zu erfragen, welche Herausforderungen, Themen und Projekte im kommenden Jahr gemeinsam angegangen werden müssen.

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